Industrie 4.0 digitalisiert alles — außer den Mitarbeiter
Produkte, Maschinen, Prozesse werden zu cyber-physischen Systemen. Nur der Mensch bleibt analog — und damit das schwächste Glied einer digitalen Wertschöpfung.
Industrie 4.0 versieht Produkte, Maschinen und Prozesse mit einem digitalen Zwilling — einer interoperablen Datenrepräsentation, über die Systeme miteinander sprechen. Den Menschen lässt sie aus: Er bleibt an analogen Schnittstellen und Insellösungen hängen, obwohl er der intelligenteste und flexibelste Wertschöpfungsfaktor ist. Diesen Gedanken habe ich 2020 mit Kollegen in einem GfWM-Thinktank entwickelt — als frühe Form der Frage, die heute die KI stellt: Wie wird Kompetenz so repräsentiert, dass Mensch und Maschine zusammenarbeiten, ohne dass der Mensch die Hoheit über seine Daten verliert?
In einer modernen Fabrik hat fast alles ein digitales Gegenstück: das Werkstück, die Maschine, die Lieferkette, der Prozess. Nur einer steht außen vor — derjenige, der das Ganze am Laufen hält.
Die Diagnose stammt aus einem Thinktank der Gesellschaft für Wissensmanagement, an dem ich 2020 mitgearbeitet habe: „Aktuell digitalisiert Industrie 4.0 alles — Produkte, Maschinen, Prozesse werden zu cyber-physischen Systemen — außer den Mitarbeiter. Hier dominieren nach wie vor analoge Schnittstellen und Insellösungen.” Das ist mehr als eine Beobachtung. Es ist ein Konstruktionsfehler.
Warum das ein Problem ist
Der Mensch ist, nüchtern betrachtet, der intelligenteste, kreativste, flexibelste und lernfähigste Wertschöpfungsfaktor einer Organisation. Wenn ausgerechnet er nicht „Industrie 4.0 spricht” — also seine Fähigkeiten nicht in einer Form vorliegen, mit der vernetzte Systeme etwas anfangen können —, dann fällt der Mensch aus der digitalen Wertschöpfung heraus, statt in ihrem Zentrum zu stehen.
Solange nur die Maschine einen digitalen Zwilling hat, ist der Mensch das schwächste Glied einer digitalen Kette.
Die Antwort: eine interoperable Repräsentation der Kompetenz
Die Konsequenz ist nicht, den Menschen zu „digitalisieren”, sondern seine Kompetenzen interoperabel abzubilden — so, dass Systeme sie verstehen, ohne dass der Mensch zum Datensatz wird. Entscheidend ist die Datensouveränität: Die Person behält die Hoheit über ihr Profil. Das war 2020 ein Vorgriff — und es ist heute die Kernfrage jeder KI-gestützten Kompetenzarbeit.
Warum das heute zählt
Was als Industrie-4.0-Lücke begann, ist im KI-Zeitalter zur zentralen Gestaltungsfrage geworden. Die Idee steckt direkt in meiner späteren Arbeit zum Organisations-Betriebssystem und zur digitalen Transformation der Organisation: Technik allein schließt die Lücke nicht — erst eine bewusste Repräsentation menschlicher Kompetenz macht den Menschen wieder zum Mittelpunkt der Wertschöpfung.

Häufige Fragen
Was ist ein „digitaler Zwilling des Mitarbeiters“? Eine interoperable digitale Repräsentation der Kompetenzen eines Menschen — so, dass vernetzte Systeme damit umgehen können, während die Person die Hoheit über ihre Daten behält. 2020 in einem GfWM-Thinktank formuliert.
Soll der Mensch „digitalisiert“ werden? Nein. Nicht der Mensch wird digitalisiert, sondern seine Kompetenzen werden interoperabel abgebildet — mit Datensouveränität als Bedingung, nicht als Zusatz.
Was hat das mit KI zu tun? Sehr viel: Die Frage, wie Kompetenz repräsentiert wird, damit Mensch und Maschine zusammenarbeiten, ist heute die Kernfrage jeder KI-gestützten Kompetenz- und Skill-Arbeit.