№ 001EssayKI & Organisation

Warum ich das Wort „Digitalisierung" aus meinem Vokabular gestrichen habe

Ein Begriff, der alles erklären will, erklärt am Ende nichts. Über präzise Sprache als ersten Akt jeder Transformation.

Kurzantwort

Ich habe das Wort „Digitalisierung" aus meinem Vokabular gestrichen, weil es zu viel verspricht und zu wenig sagt. Es suggeriert, man müsse Bestehendes nur digital nachbauen — und verdeckt die eigentliche Aufgabe: die Organisation selbst zu verändern. „Transformation der Organisation" ist präziser, weil es benennt, was sich wirklich ändern muss. Sprache ist hier keine Kosmetik: Wer unscharf spricht, denkt unscharf — und führt unscharf. Präzise Begriffe sind eine Führungsdisziplin, kein Stilfrage.

„Wir digitalisieren gerade.” Diesen Satz habe ich in den letzten Jahren in so vielen Vorständen gehört, dass er aufgehört hat, etwas zu bedeuten. Er kann heißen, dass jemand Rechnungen einscannt. Er kann heißen, dass ein Konzern sein Geschäftsmodell umbaut. Zwischen diesen beiden Dingen liegen Welten — und genau diese Welten verschwinden, sobald man sie unter ein einziges Wort schiebt.

Deshalb habe ich „Digitalisierung” aus meinem Arbeitsvokabular gestrichen. Nicht aus Sprachpedanterie, sondern weil ein unscharfer Begriff eine Transformation nicht steuerbar macht, sondern sie verschleiert.

Container-Wörter sind bequem — und teuer

Ein Container-Begriff hat einen Vorteil: Jeder kann hineinlegen, was er will, und alle nicken. Das macht ihn in Strategiepapieren so beliebt. Genau das ist aber auch sein Preis. Solange „wir digitalisieren” als Fortschritt gilt, kann jeder Fortschritt behaupten — der mit dem eingescannten Beleg ebenso wie der mit dem neuen Geschäftsmodell. Die Vagheit ist nicht harmlos. Sie erlaubt es, Bewegung mit Richtung zu verwechseln.

Ein Begriff, der alles erklären will, erklärt am Ende nichts.

Drei Fragen statt eines Wortes

An die Stelle des Wortes treten bei mir drei präzise Fragen. Welcher Prozess verändert sich konkret? Welche Entscheidung wird dadurch anders getroffen — von wem, auf welcher Grundlage? Und welche Kompetenz braucht es danach, die es vorher nicht brauchte? Wer diese drei Fragen beantworten kann, beschreibt keine „Digitalisierung” mehr, sondern einen steuerbaren Vorgang. Wer sie nicht beantworten kann, hat vermutlich auch keinen.

Das klingt unspektakulär, ist aber der Punkt, an dem sich Beschwörung von Steuerung trennt. Präzise Sprache ist nicht die Dekoration der Transformation. Sie ist ihre Voraussetzung — der erste Akt, an dem sich entscheidet, ob man ein Vorhaben führen oder nur darüber reden wird.

Warum Begriffe eine Führungsfrage sind

In Vorständen und Aufsichtsräten entscheidet sich an der Sprache, ob ein Vorhaben verstanden oder nur beschworen wird. „Wir digitalisieren” beendet das Nachdenken; „Wir verändern, wie wir entscheiden” eröffnet es. Unscharfe Begriffe sind bequem, weil niemand widersprechen kann — und gefährlich, weil niemand zur Verantwortung gezogen werden kann. Wer als Führungskraft präzise benennt, was sich ändern soll, macht ein Vorhaben prüfbar und steuerbar. Genau deshalb beginnt gute Aufsicht oft mit einer scheinbar pedantischen Frage nach dem, was ein Schlagwort eigentlich meint. Vertiefung: das Modell Digitale Transformation der Organisation. Das gilt über „Digitalisierung” hinaus. Begriffe wie „agil”, „Transformation” oder „KI-Strategie” verkommen zu Containern, in die jeder hineinlegt, was ihm passt — und verpflichten gerade deshalb niemanden. Wer in einer Sitzung verlangt, ein Schlagwort in eine konkrete Veränderung zu übersetzen, erntet zuerst Irritation und dann Klarheit. Diese Übersetzungsarbeit ist unbequem, aber sie ist der Unterschied zwischen einem Vorhaben, das man steuern kann, und einem, über das man nur spricht. Sprache ist insofern das erste Steuerungsinstrument — und das billigste.

Drei präzise Fragen statt des Begriffs Digitalisierung.
Drei präzise Fragen statt des Container-Begriffs „Digitalisierung”: welcher Prozess, welche Entscheidung, welche Kompetenz. Eigene Darstellung © 2026 Prof. Dr. Kai Reinhardt.

Häufige Fragen

Warum „Digitalisierung" streichen? Weil der Begriff suggeriert, man müsse Bestehendes nur digital nachbauen, und die eigentliche Aufgabe verdeckt: die Organisation selbst zu verändern.

Ist das nur Wortklauberei? Nein. Wer unscharf spricht, denkt und führt unscharf. Präzise Begriffe machen ein Vorhaben prüfbar und steuerbar — eine Führungsdisziplin.

Was ist der präzisere Begriff? „Transformation der Organisation" — weil er benennt, was sich wirklich ändern muss, statt einen digitalen Nachbau zu suggerieren.

[kr] Kai Reinhardt · Januar 2024
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