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2004WerkarchivWissensmanagement

Wissen vernetzen, ohne die Organisation umzubauen

Notiz aus dem Inno-how-Projekt: warum so viele Wissensmanagement-Vorhaben scheitern — und wie die Hypertext-Organisation Wissen dort fließen lässt, wo die Hierarchie es blockiert.

Kurzantwort

Die Hypertext-Organisation ist ein Ansatz, mit dem sich die gezielte Vernetzung der Wissensträger im Unternehmen gestalten und verbessern lässt — so, dass bestehendes Wissen besser genutzt und neues schneller aufgebaut wird, ohne die bestehende Organisation aufwendig umzubauen. Wir betrachten dazu drei Schichten: die formale Hierarchie (Primärorganisation), die Projekte (Sekundärorganisation) und — entscheidend — die informellen Netzwerke (Tertiärorganisation), die beide überlagern und die eigentliche bereichsübergreifende Vernetzung herstellen. Der Schlüssel liegt in den nicht-repetitiven Wissensprozessen: jenen unvorhergesehenen, projektspezifischen Wissensflüssen, an denen die meisten Wissensmanagement-Projekte scheitern, weil sie sie wie automatisierbare Fließbänder behandeln. Der Ansatz entstand im BMBF-Verbundprojekt Inno-how am Fraunhofer IFF; ich habe ihn gemeinsam mit Hans-Georg Schnauffer, Mark Staiger und Stefan Voigt ausgearbeitet.

Im Inno-how-Projekt hatten wir es mit einem hartnäckigen Phänomen zu tun: In der Produktentwicklung scheiterten Wissensmanagement-Vorhaben reihenweise — nicht an fehlender Software, sondern an einer falschen Annahme. Man behandelte Wissensflüsse, als ließen sie sich wie Fließbänder durchplanen und automatisieren.

Repetitive und nicht-repetitive Wissensprozesse

Wir unterscheiden zwei Arten von Wissensprozessen. Die repetitiven laufen wiederkehrend und planbar ab — für sie gibt es längst gute Lösungen. Die nicht-repetitiven aber treten unvorhergesehen und projektspezifisch auf, und genau das ist die eigentliche Herausforderung in der Produktentwicklung. Viele Wissensmanagement-Projekte sind gescheitert, weil sie diese nicht-repetitiven Anteile übersahen und eine vermeintlich vollständig automatisierbare Prozesskette abbildeten. Erst wenn auch die nicht-repetitiven Prozesse ohne Zeitverzug und Reibungsverlust laufen, werden die Brücken zwischen den Wissensinseln der Projekte wirklich belastbar.

Was ist eine Hypertext-Organisation?

Unsere Antwort heißt Hypertext-Organisation. Sie ist ein Ansatz, mit dem sich die gezielte Vernetzung der Wissensträger gestalten und verbessern lässt — und zwar so, dass nicht nur bestehendes Wissen besser genutzt, sondern auch neues schneller aufgebaut wird. Der Clou: Das gelingt, ohne die bestehende Organisation aufwendig zu reorganisieren. Die Metapher des Hypertexts macht deutlich, worauf es ankommt — auf die Fähigkeit, Wissen durch dynamische Vernetzung schnell aus dem Bestand verfügbar zu machen.

Die Hypertext-Organisation (Inno-how 2004): drei Schichten — Primär-, Sekundär- und Tertiärorganisation; das informelle Netzwerk vernetzt die Wissensträger quer über Hierarchie und Projekte.
Die Hypertext-Organisation in drei Schichten: Primär (Hierarchie), Sekundär (Projekte) und die überlagernde Tertiärorganisation der informellen Netzwerke. Eigene Darstellung © 2026 Prof. Dr. Kai Reinhardt nach Schnauffer/Staiger/Voigt/Reinhardt (2004).

Die unterschätzte dritte Schicht

Wir betrachten das Unternehmen in drei Schichten. Die Primärorganisation ist die formale Hierarchie — wer an wen berichtet. Die Sekundärorganisation sind die Projekte — wer woran arbeitet. Entscheidend aber ist die Tertiärorganisation: die informellen Netzwerke, die sich über gemeinsame Projekte, Kunden, Technologien und Ausbildungswege permanent bilden und die beiden anderen Schichten überlagern. Sie stellt die bereichs- und projektübergreifenden Verbindungen her — und wird für den Erfolg von Entwicklungsprojekten häufig sträflich unterschätzt. Wer Wissen vernetzen will, muss genau hier ansetzen.

Den Erfolg trägt nicht das Organigramm, sondern das Netzwerk, das niemand gezeichnet hat.

Gestaltungsleitlinien statt Werkzeug-Gläubigkeit

Aus dem Projekt ziehen wir eine Konsequenz, die der damaligen Werkzeug-Fixierung widerspricht: Es gibt übergeordnete Gestaltungsleitlinien der vernetzten Wissensorganisation, die — bei allem nötigen Kontextbezug — vom Weltkonzern bis zum Mittelständler mit hundert Mitarbeitern gelten. In der stark auf Maßnahmen und Tools fokussierten Wissensmanagement-Diskussion wurden sie bisher kaum beachtet. Eine zentrale Rolle spielen dabei Wissenspromotoren: Menschen, die aktiv Nachfrager und Anbieter von Know-how miteinander verlinken.

Häufige Fragen

Was ist eine Hypertext-Organisation? Ein Ansatz, mit dem sich die gezielte Vernetzung der Wissenstraeger im Unternehmen gestalten laesst — so, dass bestehendes Wissen besser genutzt und neues schneller aufgebaut wird, ohne die bestehende Organisation aufwendig umzubauen.

Was sind nicht-repetitive Wissensprozesse? Unvorhergesehene, projektspezifische Wissensfluesse, wie sie in der Produktentwicklung typisch sind. Viele Wissensmanagement-Projekte scheiterten, weil sie diese Prozesse wie automatisierbare Fliessbaender behandelten.

Was ist die Tertiaerorganisation? Die informellen Netzwerke, die sich ueber gemeinsame Projekte, Kunden und Technologien bilden und die formale Hierarchie (Primaer) und die Projektorganisation (Sekundaer) ueberlagern. Sie stellt die eigentliche bereichsuebergreifende Vernetzung her und wird oft unterschaetzt.

[kr] Kai Reinhardt · September 2004
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