EssayKI & Lernen

Wenn KI und Menschen kooperieren

Wenn menschliche und künstliche Intelligenz zusammen lernen, entsteht eine neue Qualität des Wissens — und sie verlangt nach einer neuen Art, Arbeit zu denken.

Kurzantwort

Mensch und KI arbeiten in der Arbeitswelt längst eng zusammen — meist unbemerkt. Wo sie gemeinsam lernen, entsteht eine neue Qualität der Wissenserzeugung: konnektionistisches Lernen. Der Mensch bringt Urteil, Kontext und Sinn ein, die KI Muster, Analyse und Skalierung. Zusammen lösen sie Probleme, an denen jeder für sich scheitert — und heben das System auf eine höhere Ordnung.

Wenn wir über das Lernen in Betrieben sprechen, übersehen wir oft, dass in vielen Bereichen längst Algorithmen mitarbeiten. Mensch und Maschine kooperieren bereits eng — nur bemerken viele Entscheider die Auswirkungen kaum. Dabei löst diese Zusammenarbeit zunehmend konventionelle Kooperations- und Lernformen ab.

Die Beispiele reichen weit: KI entwickelt geschäftliche Prognosen, unterstützt Ärzte bei der Bilderkennung von Tumoren, identifiziert seltene Arten, sucht Krankheitsmuster in Akten, hilft bei der Ortung von Opfern im Katastrophenfall oder stärkt IT-Spezialisten bei der Abwehr von Cyberangriffen. Allesamt Fälle, in denen Mensch und Algorithmus in einem gemeinsamen Lernprozess neues Wissen für eine konkrete Situation erzeugen.

Ein Komponist und ein neuronales Netz

Ein anschauliches Beispiel lieferte Huawei: Schuberts unvollendete Sinfonie in h-Moll wurde mithilfe einer KI fertiggestellt, die auf einem Smartphone-Chip lief. Bemerkenswert war das Verfahren — eine echte Kooperation: Ein künstliches neuronales Netz analysierte die Schlüsselelemente des bestehenden Stücks und entwickelte daraus neue melodische Vorschläge, ein Mensch fügte die Versatzstücke zum Gesamtwerk. Über die künstlerische Qualität lässt sich streiten; über das Prinzip nicht. Die Kombination der Fähigkeiten von Mensch und Maschine führt zu einer neuen Qualität der Wissenserzeugung.

Der Mensch bringt Urteil und Sinn, die Maschine Muster und Skala. Erst zusammen entsteht etwas, das keiner allein erreicht.

Konnektionistisches Lernen — Mensch und KI
Konnektionistisches Lernen: Mensch und KI bringen unterschiedliche Stärken ein und erreichen im Austausch eine höhere Systemordnung. Eigene Darstellung © 2026 Prof. Dr. Kai Reinhardt; Theoriebezug: Rogers & McClelland (2014), Schaub (2017).

Konnektionistisches Lernen

Diese immer engere Zusammenarbeit lässt sich als konnektionistisches Lernen bezeichnen — ein eng verzahnter, wechselseitiger Austauschprozess zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Der Begriff geht auf Theorien aus Kognitionswissenschaft, angewandter Psychologie und Systemtheorie zurück (Rogers & McClelland, 2014). Beschrieben wird, wie durch verteilte Signalaktivitäten in komplexen, vernetzten Strukturen — „parallel distributed processing” — das intelligente Verhalten des Gesamtsystems entsteht. Übertragen auf Organisationen heißt das: Über vernetzte Problemlösungs- und Lernprozesse kann ein System eine höhere Ordnung erreichen.

Lernen Menschen anders als Maschinen?

Hans Schaub (2017), Vertreter der psychologischen Synergetik, bezweifelt, dass der Mensch ein System allein durch konventionelles Lernen in einen höheren Ordnungszustand versetzen kann. Wo Lernen regelbasiert und entlang festgelegter Qualifikationsanforderungen verläuft, stößt es bei wirklich komplexen, dynamischen Problemen an Grenzen. Das Problem: Fast alle Systeme unserer Arbeitsgestaltung beruhen auf der Prämisse, nur Menschen könnten komplexe Probleme lösen. Das stimmt so nicht mehr.

Eine höhere Systemordnung entsteht, wenn eine Organisation auch unerwartete, komplexe Probleme bewältigt — zunehmend mit Hilfe von KI. Es geht um das gemeinsame Lösen jener Aufgaben, bei denen es Lücken im Lösungsweg, offene Fragen und bloße Hypothesen gibt. Genau hier liegt die eigentliche Konsequenz: Nicht die Technik ist das Neue, sondern die Anforderung, Arbeit neu zu organisieren — so, dass Mensch und Maschine gemeinsam lernen und gemeinsam lösen können. Wer KI nur als Werkzeug neben den Menschen stellt, verschenkt ihren Wert. Wer Arbeit als gemeinsamen Lernprozess gestaltet, hebt die Organisation auf eine neue Stufe.

Häufige Fragen

Was ist konnektionistisches Lernen? Ein eng verzahnter, wechselseitiger Lernprozess zwischen Mensch und KI — aus Kognitionswissenschaft, Psychologie und Systemtheorie, beschrieben als „parallel distributed processing“.

Wo arbeiten Mensch und KI heute schon zusammen? Bei medizinischer Bilderkennung, der Mustersuche in Akten, der Cyber-Abwehr, der Katastrophenhilfe und bei geschäftlichen Prognosen.

Warum verändert das die Arbeitsgestaltung? Weil die alte Prämisse, nur Menschen lösten komplexe Probleme, nicht mehr gilt. Organisationen müssen Arbeit so gestalten, dass gemeinsames Problemlösen möglich wird.

[kr] Kai Reinhardt · Januar 2023
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