Vom Verwaltungsakt zur User Experience: Eine analytische Betrachtung moderner Recruiting-Architekturen am Beispiel der Charité CFM

Die Digitalisierung des Personalwesens wird oft als rein technologisches Upgrade missverstanden. Man kauft ein Tool, implementiert eine KI und hofft auf den automatisierten Zufluss von Talenten. Doch die Realität ist weitaus komplexer. In unserem Kooperationsprojekt mit der Charité CFM (Charité Facility Management) wurde deutlich, dass echte Innovation nicht im bloßen Erwerb von Softwarelizenzen liegt, sondern in der radikalen Neugestaltung der Candidate Journey. Basierend auf empirischen Erhebungen, Marktanalysen und Prototyping-Phasen dekonstruieren wir in diesem Beitrag, wie der Wandel von der statischen Stellenanzeige hin zu einem interaktiven Ökosystem gelingt.

Die Abkehr von der Linearität: Das Matcher-Game als Kompetenz-Kompass

Klassische Bewerbungsprozesse folgen meist einer starren Linearität: Suchen, Lesen, Bewerben. Unser Ansatz für die Charité CFM bricht diese Struktur bewusst auf. Das im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojektes entwickelte Matcher-Game dient nicht der bloßen Unterhaltung – also Gamification als Selbstzweck –, sondern fungiert als valides Eignungsdiagnostik-Instrument im Pre-Screening. Das Konzept stützt sich auf eine solide Datenbasis, bei der 36 Fragen entwickelt wurden, die direkt mit der Fähigkeitenliste der Europäischen Kommission zur Klassifizierung von Kompetenzen korrelieren und gegen 68 reale Stellenprofile der CFM gematcht wurden.

Prototyp des Matcher-Games

Die analytische Herausforderung liegt hierbei in der Balance zwischen Validität und Spielspaß. Unsere Testing-Ergebnisse (Score: 4,27/5) zeigten deutlich die Spannung zwischen akademischer Strenge und Nutzererlebnis. Ein Algorithmus kann noch so präzise sein – wenn die User Experience (UX) nicht spielerisch motiviert, brechen Kandidaten ab. Das Matcher-Game muss daher gleichzeitig als harter Filter fungieren, etwa durch Ausschlusskriterien für akademische Laufbahnen bei nicht-akademischen Stellen, und als Magnet, der den Nutzer durch visuelle Anreize im Prozess hält.

Das „Build vs. Buy“-Dilemma: Strategische Technologieauswahl

Ein Kernstück des Projekts war die Selektion passender Technologiepartner, wobei die Marktanalyse von fünf Shortlist-Kandidaten ein strukturelles Problem im HR-Tech-Markt offenbarte: Die Diskrepanz zwischen Standardisierung und Individualisierungsbedarf. Während Marktgrößen wie HireVue mit mächtigen Lösungen wie „Find my Fit“ aufwarten, widersprechen die hohen Eintrittsbarrieren – in Form hoher Implementierungskosten – und der Zwang zur Nutzung monolithischer Plattformen oft den agilen Anforderungen spezifischer Projekteinheiten.

Auch andere Anbieter wie Traitify oder ScribtX zeigten im Kontext dieses Projekts Schwächen, insbesondere durch mangelnde Integrationsmöglichkeiten in bestehende Systeme wie HR4You oder fehlende Responsivität. Die strategische Konsequenz war daher die Empfehlung für eine Individualentwicklung mit Pfeffermind. Komplexe Organisationen wie die Charité CFM benötigen keine „One-Size-Fits-All“-Lösungen, sondern passgenaue Adaptionen, die sich nahtlos über API-Schnittstellen in die bestehende IT-Architektur einfügen. Technologie darf kein isoliertes Silo sein, sondern muss sich dem Prozess unterordnen.

Der modulare Stellenanzeigen-Baukasten: Design folgt Funktion

Parallel zur Gamification muss auch das Kernstück des Recruitings neu gedacht werden: die Stellenanzeige. Die Zeit der Textwüsten ist vorbei; eine Stellenanzeige ist heute eine Landingpage, die konvertieren muss. Das von uns entwickelte Konzept eines modularen Baukastens, bestehend aus elf Elementen von der „Quick Apply“-Funktion bis zur Google Maps Integration, folgt der Logik moderner Web-Entwicklung. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Schnellbewerbung (One-Click-Apply), die im User-Testing mit einem Score von 4,7/5 als klarer Gewinner hervorging. Der Insight ist eindeutig: Nutzer tolerieren keine Hürden mehr. Die Reduktion auf essenzielle Datenpunkte wie Name und E-Mail erhöht die Conversion-Rate signifikant. Zwar fürchten HR-Abteilungen oft einen Qualitätsverlust durch solch niedrige Barrieren, doch diesem Risiko begegnet das Konzept durch nachgelagerte Flowcharts, die Erwartungshaltungen klären, ohne den Erstkontakt zu blockieren.

Prototyp des Stellenbaukastens

Implementierung als Prozess, nicht als Event

Ein Konzept bleibt wertlos ohne exakte Exekution. Der für die Charité CFM erarbeitete Implementierungsplan versteht sich daher nicht als To-Do-Liste, sondern als evolutionärer Prozess in drei Phasen. Nach der erfolgreich abgeschlossenen Phase des Prototypings und der Validierung mittels Figma und User-Testings, steht nun die kritische Phase der technischen Integration an. Hierbei ist die saubere Anbindung an das Applicant Tracking System (ATS) der entscheidende Flaschenhals. Nur wenn Daten ohne manuelle Brüche fließen, entsteht ein Mehrwert. Langfristig verschiebt sich der Fokus dann auf Analytics und Optimierung. Erfolg muss messbar sein – KPIs wie die „Time-to-Hire“ (mit einem Ziel der Reduktion um 10%) oder die Conversion-Rate der Schnellbewerbung sind die Währung, in der der Erfolg der HR-Strategie künftig gemessen wird.

Die Zusammenarbeit mit der Charité CFM zeigt, dass der öffentliche und halböffentliche Sektor bereit ist für „Recruiting 4.0“. Doch die Ergebnisse mahnen auch zur Nüchternheit: Technologie löst keine kulturellen Probleme. Ein Chatbot oder ein Matcher-Game sind nur so gut wie die Datenbasis und die Prozesse, die dahinterstehen. Die Zukunft gehört nicht den Unternehmen mit den teuersten Tools, sondern jenen, die verstehen, ihre Prozesse konsequent aus der Brille des Bewerbers zu sehen und technologisch so zu orchestrieren, dass Hürden verschwinden.

Prof. Dr. Kai Reinhardt

Prof. Dr. Kai Reinhardt ist Professor für Organisation und Personalentwicklung an der HTW Berlin und Gründer von KYBERNET. Er forscht und berät seit über 20 Jahren zu Kompetenzmanagement, digitaler Transformation und der Gestaltung adaptiver Organisationen.

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Die Simulation der Realität: Ein Werkstattbericht zur Zukunft der handwerklichen Ausbildung

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Barrierefreies Recruiting: Warum klassische Stellenanzeigen ausgedient haben