Die Simulation der Realität: Ein Werkstattbericht zur Zukunft der handwerklichen Ausbildung

Wir neigen im akademischen Diskurs oft dazu, Ergebnisse erst dann zu teilen, wenn sie in polierte Matrizen und fertige Handlungsempfehlungen gegossen sind. Doch bei unserem aktuellen Master-Projekt mit den Berliner Wasserbetrieben (BWB) lohnt sich der Blick in den noch offenen „Maschinenraum“ der Forschung. Wir stellen uns aktuell die Frage, ob Technologien wie Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) in der technisch-gewerblichen Ausbildung wirklich den entscheidenden Unterschied machen – oder ob sie teure Gadgets bleiben. Die ersten Datenpunkte unserer Marktanalyse zeichnen ein Bild, das deutlich komplexer ist als der übliche Hype-Zyklus vermuten lässt.

Ist Immersion der neue Standard für „Blue Collar“?

Wenn wir uns ansehen, was vergleichbare Großunternehmen tun, sticht ein Akteur besonders hervor, der in unserer Analyse als massiver Benchmark fungiert: Die Deutsche Bahn. Unsere Recherche zeigt, dass dort VR längst die experimentelle Phase verlassen hat. Mit bis zu 18.000 Mitarbeitenden, die VR-Anwendungen nutzen, und einer breiten Palette an Szenarien – von der Zugabfertigung bis zum Kuppeln von Wagen – sehen wir hier eine Skalierung, die aufhorchen lässt. Warum investiert ein Konzern derart massiv in virtuelle Welten? Die Antwort liegt in der Verschiebung des Risikos. Das Kuppeln von Güterwaggons oder die Arbeit an Hochspannungsleitungen sind in der Realität lebensgefährliche Tätigkeiten. Im virtuellen Raum hingegen wird der Fehler zur gefahrlosen Lernerfahrung. Die Bahn nutzt diese Technologie explizit, um Berufsbilder für „Digital Natives“ zu öffnen und komplexe, oft unsichtbare Abläufe sichtbar zu machen. Das wirft für unser Projekt mit den Wasserbetrieben die spannende Frage auf: Können wir diese Logik auf das unterirdische Labyrinth der Berliner Wasserversorgung übertragen? Ist der virtuelle Rohrbruch die Voraussetzung dafür, den realen sicher zu beherrschen?

Der „Safe-to-Fail“-Raum als didaktisches Prinzip?

Ein zweiter, tiefer Einblick stammt aus der chemischen Industrie, spezifisch am Beispiel von Currenta. Hier wird VR genutzt, um Auszubildende durch komplexe chemische Anlagen zu führen und Wartungsarbeiten an Pumpen zu simulieren, ohne den laufenden Betrieb zu stören. Das Konzept des „Lernens durch Erleben“ wird hier wörtlich genommen. Dies führt uns zu einer kritischen Diskussion über die Natur von Kompetenz. Wenn Auszubildende eine Pumpe im virtuellen Raum zehnmal zerlegen und wieder zusammensetzen, bilden sie ein prozedurales Muskelgedächtnis aus, noch bevor sie das erste Mal einen echten Schraubenschlüssel in der Hand halten. Doch ist das schon Kompetenz? Oder ist es nur eine choreografierte Imitation? Unsere Hypothese im Projekt ist, dass diese Technologien nicht das Handwerk ersetzen, sondern eine „kognitive Vor-Installation“ leisten. Sie reduzieren die Angst vor der Komplexität der realen Anlage. Aber ist die Haptik eines Controllers wirklich transferierbar auf das Losbrechmoment einer verrosteten Schraube?

Die Rettung oder nur ein teures Pflaster?

Wir müssen uns fragen, ob wir hier wirklich eine pädagogische Revolution sehen oder nur den Versuch, strukturelle Probleme der Ausbildung – Ressourcenmangel, fehlende Anlagenverfügbarkeit, Sicherheitsauflagen – technologisch zu „überbrücken“. Unternehmen wie Bayer oder BASF setzen ebenfalls auf diese Karten, teils mit AR-Brillen für Remote-Support, um Expertenwissen über Distanzen hinweg zu skalieren. Für die Berliner Wasserbetriebe prüfen wir gerade genau diesen „Fit“. Passt die „kalte Logik“ der Algorithmen zur „nassen Realität“ der Wasserwirtschaft? Die Marktanalyse deutet darauf hin, dass die Technologie reif ist – Anbieter wie 3DQR oder SenseLab liefern mittlerweile Lösungen, die keine IT-Studium mehr voraussetzen, sondern in den Werkstattalltag integrierbar sind. Doch die entscheidende Hürde bleibt nicht die Technik, sondern die Kultur: Sind unsere Ausbilder bereit, ihre Rolle vom „Vormacher“ zum „Lernbegleiter im virtuellen Raum“ zu wandeln?

Wir haben das Projektergebnis noch nicht. Aber die ersten Indizien deuten darauf hin, dass wir es nicht mit einem Trend zu tun haben, sondern mit einer fundamentalen Neucodierung dessen, wie wir manuelle Arbeit in einer digitalen Welt erlernen.

Ihr Take-away: Beobachten Sie Ihre eigenen technischen Trainingsbereiche nicht nur unter dem Aspekt der Kosten, sondern unter dem Aspekt der „Fehlerkultur“. Wenn Sie Fehler in der Realität nicht zulassen können (wegen Gefahr oder Kosten), dann ist die Simulation keine Option, sondern Pflicht. Wir forschen weiter – bleiben Sie dran für die finalen Ergebnisse im Januar.

Prof. Dr. Kai Reinhardt

Prof. Dr. Kai Reinhardt ist Professor für Organisation und Personalentwicklung an der HTW Berlin und Gründer von KYBERNET. Er forscht und berät seit über 20 Jahren zu Kompetenzmanagement, digitaler Transformation und der Gestaltung adaptiver Organisationen.

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