Das Gedächtnis der Maschinen: Wissenssicherung gegen Corporate Alzheimer mit VR-Technologie
Wir stehen vor einer Zäsur in der Industriegeschichte. Zum ersten Mal drohen wir nicht Arbeitskraft zu verlieren, sondern das Bewusstsein unserer Infrastruktur. Doch in unserem aktuellen Forschungsprojekt mit den Berliner Wasserbetrieben (BWB) stoßen wir auf eine viel bedrohlichere Lücke, die sich nicht in Personalstatistiken abbilden lässt: Wir müssen lernen, Erfahrungscode zu schreiben.
Stellen Sie sich eine Pumpstation vor. Sie läuft. In den Augen des Controllers ist alles grün. Aber der erfahrene Meister, der kurz vor der Rente steht, legt die Hand auf das Gehäuse und sagt: „Die klingt nicht gut. In zwei Tagen steht die.“ Er hat recht. Dieses Wissen steht in keinem Handbuch. Es ist keine explizite Regel („Wenn A, dann B“). Es ist implizites Erfahrungswissen – eine komplexe Summe aus Jahrzehnten der sensorischen Wahrnehmung, Intuition und Fehleranalyse. Und genau dieses Wissen ist flüchtig. Es geht jeden Nachmittag durch das Werkstor nach Hause. Und bald kommt es nicht mehr zurück.
Der drohende Formatierungs-Fehler
In der Analysephase unseres Master-Projekts an der HTW Berlin haben wir die Berufsbilder der Umwelttechnologen und Mechatroniker dekonstruiert. Das erschreckende Ergebnis: Unsere Ausbildungssysteme sind darauf ausgelegt, Wissen zu vermitteln (Daten, Fakten, Normen). Sie sind aber völlig ungeeignet, Erfahrung zu transferieren. Wir versuchen aktuell, die „Generation Z“ mit PDFs und PowerPoints auf Anlagen vorzubereiten, deren Eigenleben man nur durch jahrelange Praxis verstehen kann. Das ist, als würde man versuchen, Schwimmen durch eine Vorlesung über Hydrodynamik zu lehren. Wenn die Babyboomer gehen, droht ein „Corporate Alzheimer“: Die Organisation vergisst, wie sie in Krisensituationen funktioniert.
VR als externe Festplatte für Intuition
Hier ändert sich die Rolle von Virtual Reality (VR) und Simulationstechnologie radikal. Wir dürfen VR nicht länger als „Lernspielzeug“ betrachten. In unserem strategischen Modell für die BWB fungiert der Simulator als „Das Gedächtnis der Maschinen“.
Wenn wir kritische Störfallszenarien digital nachbauen – basierend auf den Erzählungen und Erfahrungen der alten Hasen – tun wir etwas Magisches:
Wir extrahieren Intuition: Wir zwingen den Experten, sein Bauchgefühl in Szenarien zu übersetzen („Wie genau vibriert die Pumpe, bevor sie birst?“).
Wir konservieren den Stress: Ein Handbuch erzeugt keinen Adrenalinspiegel. Eine VR-Simulation, in der das Wasser virtuell steigt, schon. Wir speichern also nicht nur die Lösung, sondern das emotionale Erlebnis der Krise.
Wir skalieren die Erfahrung: Was der Meister in 30 Jahren erlebt hat, kann der Azubi nun in komprimierter Form in der „Safe-to-Fail“-Umgebung des Simulators durchleben.
Die Strategie: Vom Kopf in den Code
Der Blick auf den Markt – von den Simulatoren der Deutschen Bahn bis zu den digitalen Zwillingen in der chemischen Industrie – bestätigt unsere These: Die resilientesten Unternehmen sind jene, die begonnen haben, ihre „Human Intelligence“ in „Artificial Scenarios“ umzuwandeln.
Für HR und die technische Leitung bedeutet dies einen Paradigmenwechsel. Investitionen in Digital Twins und VR sind keine IT-Kosten. Sie sind Versicherungsprämien gegen den Wissensverlust. Wir bauen ein digitales Gedächtnis, das unabhängig von der biologischen Fluktuation der Belegschaft Bestand hat.
Mein Fazit: Die Maschinen werden bleiben. Die Menschen, die sie verstehen, gehen. Unsere Aufgabe ist es jetzt, den „Geist in der Maschine“ zu digitalisieren. Wir müssen die Erfahrung speichern, bevor der Träger in Rente geht. Tun wir das nicht, werden wir bald sehr intelligente Anlagen haben, die von Menschen bedient werden, die keine Ahnung haben, was die Maschine ihnen sagen will.
Der kritische Gedanke: Ist Ihr Wissensmanagement bereit für den Exodus der Boomer? Haben Sie ein System, das „Bauchgefühl“ speichert? Wenn Ihre Antwort „Wir haben ein Wiki“ lautet, dann haben Sie das Problem noch nicht verstanden.