Verändert KI die Kompetenzen im Finanzmanagement?
Tsunami oder warmer Regen? Ein Forschungsprojekt der HTW Berlin fragte 2018, wie Künstliche Intelligenz die Rollen in der Finanzorganisation wirklich verändert.
Ein Forschungsprojekt der HTW Berlin untersuchte 2018, wie KI die Finanzorganisation verändert. Der Befund: Bis zu 50 % der Finance-Stellen sind von Automatisierung berührt, über 70 % der Finanzorganisationen planen KI-Einsatz. Aber die Wirkung ist nicht zerstörerisch, sondern umverteilend — Rollen vom Buchhalter bis zum Treasurer werden neu definiert, nicht gestrichen.
Werden Roboter und Algorithmen die Arbeitswelt übernehmen? Die digitale Dystopie hat Konjunktur — die Vorstellung, dass Maschinen erst die standardisierten und später auch die anspruchsvollen Tätigkeiten übernehmen. Ob am Ende ganze Berufsbilder verschwinden, lässt sich pauschal nicht beantworten. Schwarz-Weiß-Malerei ist fehl am Platz; man muss konkret bewerten, welche Wirkung eine Technologie im einzelnen Fall hat.
Ein besonders aufschlussreiches Feld ist das Finanzmanagement. Gemeinsam mit meinem Team untersuchen wir, welchen Einfluss Künstliche Intelligenz auf die Rollen und Tätigkeitsprofile im Finanzprozess hat — und ob Mitarbeitende gehen müssen oder neue Aufgaben übernehmen können.
Wo KI im Finanzbereich schon greift
Schon heute ist die Softwareindustrie weit genug, um viele nützliche Anwendungen bereitzustellen: Erfassung von Rechnungen und Buchungen über Sprachverarbeitung (NLP), automatisierte Datenbeschaffung für Management-Reports, regelbasierte Auswertung Compliance-relevanter Texte und teilautomatisierte Abschlüsse, die Standards wie IFRS oder GAAP berücksichtigen. Über 70 % der Finanzorganisationen planen, große Mengen an Finanzdaten künftig mit KI zu verarbeiten — zu nahezu null Grenzkosten und mit geringerer Fehleranfälligkeit.
Wir werden einen Tsunami neuer KI-Technologien über die Finanzabteilung rollen sehen — aber für die Beschäftigten ist die Lage nicht so düster, wie die Beratungsindustrie behauptet.

Die Wirkung auf Menschen und Rollen
Wo Automatisierung vor allem transaktionale und repetitive Standardaufgaben übernimmt, fällt ein erheblicher Teil weniger komplexer Tätigkeiten aus den Rollenprofilen heraus. Studien zeigen: Bis zu 50 % der Positionen im Finanzbereich könnten betroffen sein. Damit stellt sich die Frage, was mit der frei werdenden Zeit geschieht — Stellenabbau mit dem Risiko, wertvolles Wissen zu verlieren, oder die strategische Entwicklung neuer Kompetenzen.
Unsere Prognose fällt weniger destruktiv aus, als die Debatte vermuten lässt. Statt Rollen zu zerstören, führt KI zu ihrer umfassenden Neudefinition. Zwei Entwicklungen sind entscheidend. Erstens müssen Rollenprofile und Kompetenzmodelle für alle Beschäftigten weiterentwickelt werden — hin zu höherwertigen, strategischen Aufgaben wie Business Support. Zweitens geht es um die tiefe, nutzerfreundliche Integration der KI in die individuelle Arbeitsumgebung: entscheidend ist die homöopathische, anwenderfreundliche Einbettung der Technologien. Von der Buchhaltung über den Kreditanalysten bis zum Treasurer und zur Leitungsebene steigen die Anforderungen an die Kompetenzen — und sie werden sich deutlich von den heutigen unterscheiden.
Aus heutiger Sicht ist dieses Projekt ein früher Beleg für eine These, die sich seither bestätigt hat: Nicht die Technik entscheidet über die Zukunft der Arbeit, sondern die Frage, ob Organisationen ihre Menschen rechtzeitig fit machen.
Häufige Fragen
Wie viele Finance-Stellen betrifft KI? Studien zufolge bis zu 50 % der Positionen im Finanzbereich — vor allem dort, wo transaktionale und repetitive Standardaufgaben dominieren.
Zerstört KI Kompetenzen im Finanzbereich? Nein, sie definiert Rollen neu. Statt Stellen zu streichen, verschiebt KI die Tätigkeiten hin zu höherwertigen, strategischen Aufgaben — vom Buchhalter bis zum Treasurer.
Was sollten Finanzorganisationen tun? Rollenprofile und Kompetenzmodelle weiterentwickeln und KI nutzerfreundlich in die Arbeitsumgebung integrieren — statt Effizienz über die Köpfe der Menschen hinweg zu maximieren.