Transversales Kompetenzmanagement
Notiz zu unserem GfWM-Diskussionspapier: Das Kompetenzmanagement hat einen blinden Fleck — den Menschen selbst. Wir schlagen ein System-Modell vor, das ihn vom gesteuerten Objekt zum steuernden Subjekt macht.
Transversales Kompetenzmanagement macht Kompetenzen durchgängig über Systemgrenzen hinweg nutzbar — quer durch Anwendungskontexte, Entwicklungswege, Formalisierungsstufen, Sprachen und Kulturen. Der Kern: Bisherige Ansätze sehen Kompetenz entweder als Betriebsressource (Unternehmen) oder als Bildungsprodukt (Hochschule, Ausbildung) — und übersehen dabei den Kompetenzträger als handelndes Subjekt. Unser System-Modell rückt ihn aus dem blinden Fleck in den Mittelpunkt: Er führt sein Kompetenzprofil über Ausbildung, Praxis und Weiterbildung hinweg nahtlos weiter und steuert sein eigenes Kompetenz-Portfolio. Entwickelt in der GfWM-Fachgruppe Strategisches Kompetenzmanagement (Dahlmeyer, Reinhardt, Schnauffer, 2016).
Digitalisierung, Mobilität und Globalisierung verändern die Arbeitswelt rasant — und trotzdem stagniert das Kompetenzmanagement. Es bleibt in Insellösungen einzelner Organisationen stecken, ohne Synergie und Breitenwirkung. Der Grund ist ein Spannungsfeld: zwischen kontextspezifischer Umsetzung auf der einen und Durchgängigkeit und Anschlussfähigkeit auf der anderen Seite. Wer dieses Spannungsfeld nicht auflöst, verbessert nur innerhalb der Silos — und steckt dort fest.
Der blinde Fleck: der Mensch als Objekt
Bestehende Ansätze sind entweder vom betrieblichen Kontext getrieben — mit Kompetenz als Betriebsressource — oder vom Kontext formaler Bildung — mit Kompetenz als Produkt eines Bildungsprozesses. In beiden Fällen wird der Kompetenzträger zum gesteuerten Objekt zwischen fremden Zielsystemen. Dabei ist er langfristig die einzige Konstante: Aufgaben, Rollen und Arbeitgeber sind stets temporär. Seine persönlichen Ziel- und Gestaltungskontexte sind deshalb keine passive Nebenbedingung, sondern gehören in den Mittelpunkt.

„Transversal”: Durchlässigkeit zwischen den Welten
Unser Vorschlag heißt transversales Kompetenzmanagement. „Transversal” steht für eine hohe Durchlässigkeit zwischen den Teilsystemen der Gesellschaft, in denen Kompetenzen erworben, entwickelt oder angewendet werden. Das impliziert die Gleichberechtigung aller Kontexte: Bildungsleben, Organisationsleben und Berufsleben. Kern und Bindeglied ist ein verteiltes, anschlussfähiges und dynamisches Kompetenzmodell, das Kompetenzen quer durch alle Kontexte, Entwicklungswege, Formalisierungsstufen, Sprachen und Kulturen operationalisierbar macht. Praktisch heißt das: Kompetenzträger führen ihr Ausbildungsprofil beim Jobeinstieg nahtlos weiter — und beim Jobwechsel präsentieren sie ein Profil, das alle Quellen (Ausbildung, Praxis, Weiterbildung, Weiterlernen) konsistent bündelt.
Kompetenz ist weder Wirtschaftsgut noch Bildungsprodukt, sondern eine fluide, implizite Eigenschaft von Menschen — erschließbar nur durch deren Mitwirkung.
Das Referenzmodell: Spannungsfeld aufgelöst
Aus diesem Prinzip folgt ein Referenzmodell, das das Spannungsfeld auflöst. Im Zentrum steht nicht mehr eine Organisation oder ein Bildungsträger, sondern das Kompetenz-Portfolio des Kompetenzträgers — und er selbst als steuerndes Subjekt. Er setzt Ziele, konsolidiert seine Nachweise, entscheidet und entwickelt sich weiter. Die drei Kontexte bleiben erhalten, aber ihre Grenzen werden durchlässig: Kompetenzen diffundieren transversal zwischen ihnen, eingebettet in die Gesellschaft als Rahmen. Das ist zugleich ein neues Aufgabenfeld für die HR-Bereiche — sie unterstützen diese Prozesse, statt sie top-down zu kontrollieren.

Damit ein solches System trägt, muss es drei Stakeholder-Rollen koppeln — Kompetenznutzende (Sicht des Unternehmens), Kompetenzentwickler (Sicht des Bildungsträgers) und Kompetenzträger (Sicht der Arbeitenden) — wobei dieselbe Akteurin je nach Situation mehrere Rollen einnimmt. Ein Unternehmen kann gleichzeitig Arbeitgeber, Bildungsträger und Anbieter von Arbeitsleistung sein; eine Hochschule ist Organisation, Bildungseinrichtung und Kompetenzdienstleister zugleich. Genau diese Rollenflexibilität macht ein durchgängiges, transversales System nötig — und ist der Ausgangspunkt für die Roadmap, die das Papier vorschlägt.
Häufige Fragen
Was ist transversales Kompetenzmanagement? Ein Ansatz, der Kompetenzen durchgängig (transversal) über alle Systemgrenzen hinweg operationalisierbar macht — quer durch Anwendungskontexte, Entwicklungswege, Formalisierungsstufen, Sprachen und Kulturen. Der Kompetenzträger führt sein Profil nahtlos über Ausbildung, Praxis und Weiterbildung hinweg weiter und steht als steuerndes Subjekt im Mittelpunkt.
Warum ist der Kompetenzträger der blinde Fleck des Kompetenzmanagements? Weil klassische Ansätze Kompetenz entweder als Betriebsressource (betrieblicher Kontext) oder als Produkt eines Bildungsprozesses (formale Bildung) behandeln. Der Mensch als handelndes Subjekt mit eigenen Zielen wird dabei zum gesteuerten Objekt — obwohl er langfristig die einzige Konstante ist, weil Aufgaben, Rollen und Arbeitgeber stets temporär bleiben.
Wer hat das transversale System-Modell entwickelt? Die GfWM-Fachgruppe Strategisches Kompetenzmanagement — Prof. Dr.-Ing. Matthias Dahlmeyer, Dr. Kai Reinhardt und Georg Schnauffer — als Diskussionspapier der Gesellschaft für Wissensmanagement e.V., vorgelegt anlässlich der Zukunftswerkstatt Kompetenz-Management am 26. Februar 2016 an der HTW Berlin und im November 2016 als gfwm THEMEN spezial veröffentlicht.