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№ 093MeinungOrganisationsdesign

Warum Sie keinen Chief AI Officer brauchen

Immer mehr Unternehmen schaffen die Stelle eines Chief AI Officers. Das wirkt entschlossen, verschiebt die Verantwortung aber an die falsche Stelle. KI gehört in die Linie, zu den Menschen, die die Prozesse verantworten.

Kurzantwort

Braucht ein Unternehmen einen Chief AI Officer? In den meisten Fällen nicht. KI ist keine eigene Funktion wie Vertrieb oder Personal, sie verändert die Aufgaben aller Funktionen. Ob ein Agent Angebote vorbereiten oder Bewerbungen vorsortieren darf, entscheidet sich dort, wo der Prozess verantwortet wird. Ein zentraler KI-Chef nimmt der Linie diese Verantwortung ab und erzeugt das bekannte Warten aus der Digitalisierung: Der Bereich wartet auf die Strategie, die KI-Einheit auf die Anforderungen. Wirksamer ist, für jeden Agenten im Bereich eine verantwortliche Person zu benennen, IT für Plattform und Sicherheit, HR für Kompetenz und Mitbestimmung zuständig zu machen und ein kleines Team von drei bis fünf Leuten beraten zu lassen. Sinnvoll ist ein CAIO in stark regulierten Branchen, in KI-Anbietern oder als befristete Aufbaurolle mit festem Enddatum.

Wenn ein Thema wichtig wird, bekommt es im Organigramm einen Kasten. So war es mit dem Chief Digital Officer in den 2010er-Jahren, und so ist es jetzt mit dem Chief AI Officer. Die Logik ist verständlich: Der Vorstand will zeigen, dass er das Thema ernst nimmt, und jemand soll es bündeln.

Ich halte das in den meisten Unternehmen für einen Fehler, aus drei Gründen.

KI ist keine Funktion

Vertrieb, Einkauf oder Personal sind Funktionen mit eigenen Aufgaben. KI hat keine eigene Aufgabe, sie verändert die Aufgaben aller anderen. Ob ein Agent Angebote vorbereiten darf, entscheidet sich im Vertrieb. Ob er Bewerbungen vorsortieren darf, entscheidet sich im Personalbereich, zusammen mit dem Betriebsrat. Ein CAIO kann dazu beraten, verantworten kann er es nicht, weil ihm die Prozesse nicht gehören.

Der CAIO nimmt der Linie die Verantwortung ab

Sobald es einen Chief AI Officer gibt, wissen alle, wer für KI zuständig ist, und zwar jemand anderes. Die Bereichsleiterin im Vertrieb wartet auf die Strategie aus der KI-Einheit, die KI-Einheit wartet auf Anforderungen aus dem Vertrieb. Das kennt jeder, der die Digitalisierungsprogramme der letzten 15 Jahre begleitet hat. Viele Chief Digital Officers haben gute Arbeit gemacht und trotzdem wenig bewegt, weil die Entscheidungen woanders fielen.

Links: ein Chief AI Officer steht neben den Bereichen Vertrieb, Personal und Einkauf, dazwischen Pfeile, die zeigen, dass beide Seiten aufeinander warten. Rechts: Jeder Bereich hat seine Agenten und eine verantwortliche Person, darunter tragen IT, HR und ein kleines Team die Bereiche.
Zwei Arten, KI zu verankern. Bei der zentralen Stelle wartet der Bereich auf die KI-Einheit und umgekehrt. In der Linie liegt die Verantwortung dort, wo der Prozess verantwortet wird. Eigene Darstellung © 2026 Prof. Dr. Kai Reinhardt.

Das eigentliche Problem liegt nicht in der Technik

Wo KI wenig bringt, liegt es selten am Modell. Es liegt an Freigabeschleifen, die niemand in Frage stellt, an Agenten ohne verantwortliche Person und an Beschäftigten, die KI-Ergebnisse nicht beurteilen können. Das sind Fragen der Organisation und des Personals. Ein CAIO, der aus der Technik kommt, sieht sie oft zuletzt.

Was stattdessen hilft

Die Verantwortung für KI gehört zu denen, die die Prozesse verantworten. Jeder Bereich benennt für jeden Agenten eine verantwortliche Person, und das steht in der Stellenbeschreibung. Die IT kümmert sich um Plattform, Sicherheit und Datenschutz, wie bei jeder anderen Technik. HR sorgt dafür, dass die Menschen die Ergebnisse beurteilen können, und verhandelt mit dem Betriebsrat einen Rahmen. Ein kleines Team aus drei bis fünf Leuten kann die Bereiche unterstützen, Erfahrungen sammeln und Standards setzen, ohne selbst Eigentümer zu werden.

Im Vorstand braucht es keinen neuen Titel, sondern jemanden, der die Frage, wer was entscheidet, auf die Tagesordnung setzt und dranbleibt.

Das kann der CEO sein, die COO oder die Personalvorständin.

Wann ein CAIO doch sinnvoll ist

Es gibt Fälle, in denen die Stelle passt. In stark regulierten Branchen kann eine zentrale Rolle für KI-Governance nötig sein, etwa um Hochrisikosysteme nach dem AI Act zu überblicken. Und in Unternehmen, die KI verkaufen, ist KI tatsächlich eine Funktion. Auch als befristete Rolle, die den Aufbau anstößt und sich nach zwei Jahren wieder auflöst, kann ein CAIO helfen. Dann sollte das Enddatum aber von Anfang an feststehen.

Für die meisten Mittelständler und Konzerne gilt: Bevor Sie einen Chief AI Officer einstellen, klären Sie in einem einzigen Kernprozess, wer dort was entscheidet. Danach wissen Sie meist, dass Sie die Stelle nicht brauchen.

Häufige Fragen

Was spricht gegen einen Chief AI Officer? Vor allem, dass ihm die Prozesse nicht gehören. Ob ein Agent im Vertrieb Angebote vorbereiten darf, entscheidet die Vertriebsleitung. Ein CAIO kann beraten, aber nicht verantworten. Gleichzeitig signalisiert die Stelle allen anderen, dass jemand anderes für KI zuständig ist.

Wer soll KI dann im Vorstand vertreten? Kein neuer Titel, sondern jemand, der die Frage, wer was entscheidet, auf die Tagesordnung setzt und dranbleibt. Das kann der CEO sein, die COO oder die Personalvorständin.

Wann ist ein CAIO sinnvoll? In stark regulierten Branchen, wo Hochrisikosysteme nach dem AI Act zentral überblickt werden müssen, in Unternehmen, die KI als Produkt verkaufen, und als befristete Rolle, die den Aufbau anstößt. Dann sollte das Enddatum von Anfang an feststehen.

Braucht es dann gar keine zentrale KI-Einheit? Ein kleines Team aus drei bis fünf Leuten hilft: Es unterstützt die Bereiche, sammelt Erfahrungen, setzt Standards und bewertet Werkzeuge. Es wird aber nicht Eigentümer der Anwendungen. Die bleiben dort, wo die Prozesse verantwortet werden.

[kr] Kai Reinhardt · Oktober 2026
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