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№ 092StandpunktOrganisationsdesign & HR

KI im Unternehmen einführen: Organisation und HR zuerst

Viele Unternehmen haben KI-Werkzeuge eingeführt und merken im Alltag wenig davon. Das liegt selten an der Technik, sondern an Freigaben, Zuständigkeiten und Kompetenzen, die niemand angefasst hat. Hier sind fünf Schritte, in denen sich das ordnen lässt, bevor der Agent kommt, und was sie für die Personalarbeit bedeuten.

Kurzantwort

Wie führt man KI im Unternehmen so ein, dass sie wirkt? Indem man Organisation und Personal vor der Technik ordnet. Denn KI beschleunigt die Arbeit, nicht die Wartezeit auf Freigaben. Braucht ein Angebot zehn Tage, davon zwei zur Unterschrift, bleibt es mit KI bei drei Tagen, auch wenn die Arbeit auf einen Tag schrumpft. Wirksam wird die KI-Einführung in fünf Schritten, und die Technik kommt zuletzt: Entscheidungen eines Kernprozesses auflisten und nach Fehlerpreis sortieren, überflüssige Freigaben streichen, für jeden Agenten eine verantwortliche Person benennen, die Urteilskompetenz der Beschäftigten sichern und erst dann KI in kurzen Zyklen einführen. Für die Personalarbeit heißt das: Betriebsrat früh beteiligen, Verantwortung in Stellenbeschreibungen schreiben, Befähigung je Rolle nachweisen und neue Laufbahnen jenseits der Führungsspanne anbieten.

Ein typisches Bild aus den Gesprächen der letzten Monate: Der Vertrieb nutzt einen KI-Assistenten für Angebote, das Marketing schreibt schneller, die Buchhaltung hat einen Piloten. Fragt man nach, ob Angebote heute früher beim Kunden sind, wird es still. Die Arbeit ist schneller geworden, der Vorgang nicht.

Ein Rechenbeispiel zeigt, woran das liegt. Ein Angebot braucht zehn Tage. An acht davon wird gearbeitet, zwei liegt es zur Freigabe beim Abteilungsleiter und beim Bereichsleiter. KI drückt die Arbeit von acht Tagen auf einen. Das Angebot braucht trotzdem drei Tage, weil die Freigaben bleiben. Gene Amdahl hat das 1967 für Computer beschrieben: Ein System wird nie schneller als der Teil, den man nicht beschleunigt. In Unternehmen ist das meistens die Wartezeit auf eine Entscheidung.

Ähnliches berichtete heise im August über eine große Bank. Im KI-Piloten waren die Testteams 40 Prozent produktiver, im Geschäftsergebnis kam nichts an, weil die gewonnene Zeit in Meetings floss. Die Konsequenz daraus ist unspektakulär: erst Organisation und Personal ordnen, dann die KI einführen.

Oben fünf Schritte, der fünfte hervorgehoben: KI einführen. Darunter dasselbe Angebot in drei Balken: heute 8 Tage Arbeit plus 2 Tage Freigabe gleich 10 Tage; KI zuerst 1 plus 2 gleich 3 Tage; richtige Reihenfolge 1 plus 1 gleich 2 Tage.
Wer mit der KI beginnt, beschleunigt die Arbeit und behält die Wartezeit. Wer erst die überflüssige Freigabe streicht, gewinnt beides. Das Angebotsbeispiel ist illustrativ. Eigene Darstellung © 2026 Prof. Dr. Kai Reinhardt.

Schritt 1: Entscheidungen auflisten und nach Fehlerpreis sortieren

Nehmen Sie einen einzigen Kernprozess, etwa das Angebot oder die Einstellung neuer Mitarbeitender. Schreiben Sie auf, welche Entscheidungen darin fallen, wer sie trifft und wie lange sie liegen. Dann sortieren Sie jede Entscheidung in eine von drei Gruppen: Die Maschine darf entscheiden. Die Maschine bereitet vor, ein Mensch entscheidet. Ein Mensch entscheidet allein.

Maßstab ist, was ein Fehler kostet und wer dafür haftet. Trumpf hat das für den Service so gelöst: Ersatzteilbestellungen laufen weitgehend über KI, bei Schadensursachen spricht der Kunde weiter mit einem Spezialisten.

Für HR: Die Inventur gehört in einen Workshop mit den Menschen, die den Prozess täglich erleben, und in Deutschland von Anfang an mit dem Betriebsrat. Die Beschäftigten wissen am besten, welche Unterschrift niemandem hilft.

Schritt 2: Überflüssige Freigaben streichen

Prüfen Sie jede Freigabe im Prozess mit einer Frage: Trifft hier jemand ein echtes Urteil, oder will er nur informiert sein? Im Angebotsbeispiel prüft der Abteilungsleiter, ob der Rabatt vertretbar ist. Das bleibt. Der Bereichsleiter zeichnet ab, um Bescheid zu wissen. Dafür reicht ein automatischer Bericht, und das Angebot ist einen Tag schneller, ganz ohne neues Werkzeug.

Bayer ist den Weg im großen Maßstab gegangen. Seit 2023 sank die Zahl der Hierarchiestufen von elf bis zwölf auf sechs bis sieben, die Führungspositionen um rund zwei Drittel. Das Unternehmen betont, dass KI dabei nicht der Auslöser war, sie kam erst danach dazu.

Für HR: Wenn Freigaben wegfallen, verlieren Menschen Einfluss und manchmal einen Teil ihrer Rolle. Das muss man ansprechen und mit neuen Aufgaben füllen, bevor es als Kürzung ankommt.

Ein Agent führt einen schlechten Prozess nicht besser aus. Er führt ihn schneller aus.

Schritt 3: Für jeden Agenten eine verantwortliche Person benennen

Ein KI-Agent, der Angebote vorbereitet oder Bewerbungen vorsortiert, braucht einen Menschen, der für ihn geradesteht: für den Auftrag, das Budget, die Protokolle und notfalls das Abschalten. Das sollte schriftlich festgehalten sein.

Für HR: Diese Verantwortung gehört in die Stellenbeschreibung und in die Zielvereinbarung. Ist sie nur „nebenbei“ vergeben, kümmert sich im Ernstfall niemand.

Schritt 4: Urteilskompetenz sichern

Wer einen Agenten betreibt, muss dessen Ergebnis fachlich beurteilen können. Ein Bedienkurs reicht dafür nicht. Eine Vertriebsmitarbeiterin sollte erkennen, wenn eine KI-Kalkulation nicht stimmt, ein Recruiter, wenn eine Vorauswahl schief ist. In unserer Untersuchung an der HTW Berlin war KI-Unterstützung kaum schneller, die Ergebnisse aber schwächer als die der Vergleichsgruppe. Tempo ersetzt kein Urteil.

Für HR: Der AI Act verpflichtet Unternehmen, die KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten zu fördern (Art. 4). Seit dem Digital Omnibus, in Kraft seit 27. Juli 2026, schuldet niemand mehr ein bestimmtes Kompetenzniveau. Für die Haftung zählt trotzdem, ob die verantwortliche Person das Ergebnis beurteilen konnte. Machen Sie daraus einen Befähigungsnachweis je Rolle, ähnlich einem Führerschein, und prüfen Sie ihn, bevor jemand einen Agenten verantwortet.

Schritt 5: KI einführen, in kurzen Zyklen

Erst jetzt kommt die Technik, und zwar klein: ein Prozess, einige Wochen, dann auswerten. Jede Korrektur, die ein Mensch am Ergebnis des Agenten vornimmt, wird als Regel oder Test festgehalten. So wird das System mit jedem Durchlauf verlässlicher, und Freigaben lassen sich weiter zurücknehmen.

Für HR: Sobald ein System Leistung oder Verhalten erfassen kann, ist die Mitbestimmung nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG berührt. Eine Rahmenbetriebsvereinbarung für KI spart viele Einzelverhandlungen.

Was sich für Führungskräfte ändert

Führungskräfte entscheiden künftig weniger Einzelfälle und legen mehr Regeln fest, nach denen andere entscheiden. Sie verantworten die Agenten in ihrem Bereich und die Kompetenz ihrer Leute. Das verändert Rollen, und es verändert Karrieren. Wer Führungsebenen reduziert, braucht Laufbahnen, die über Expertise und Verantwortung führen und nicht nur über die Zahl der geführten Personen.

Vier Zahlen zum Mitnehmen

Wenn Sie nachhalten wollen, ob sich etwas bewegt, reichen vier Kennzahlen: der Anteil der Freigabezeit an der Durchlaufzeit je Kernprozess, die Zeit von der Information bis zur Entscheidung, die Zahl der Agenten ohne verantwortliche Person (Ziel: null) und der Anteil der Nutzer, die das Ergebnis ihres Agenten fachlich beurteilen können.

Anfangen lässt sich mit einem einzigen Prozess und einem halben Tag Workshop.

Häufige Fragen

Sollen Unternehmen mit KI also warten? Nein. Die ersten Schritte sind nur nicht technisch. Eine Entscheidungsinventur für einen einzelnen Prozess braucht einen halben Tag Workshop und ein paar Tage Nacharbeit, nicht Monate. Wer sie macht, führt KI danach schneller ein als ein Unternehmen, das sofort Piloten startet und den Dienstweg später aus dem Agenten herausoperieren muss.

Ist das nicht einfach Prozessoptimierung? Nicht ganz. Prozessoptimierung sortiert Tätigkeiten. Hier werden Entscheidungen sortiert, und bei jeder wird gefragt, was ein Fehler kostet und wer dafür haftet. Diese Frage ist neu, weil erstmals nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen entscheiden können.

Welche Rolle hat die Personalabteilung dabei? Eine zentrale. Sie holt den Betriebsrat früh dazu, schreibt die Verantwortung für Agenten in Stellenbeschreibungen und Zielvereinbarungen, verbindet die Förderpflicht des AI Act mit einem Befähigungsnachweis je Rolle und entwickelt Laufbahnen, die über Expertise und Verantwortung führen statt über die Zahl der geführten Personen.

Womit fängt man konkret an? Mit einem einzigen Kernprozess, etwa dem Angebot oder der Einstellung neuer Mitarbeitender, und einem halben Tag Workshop mit den Menschen, die ihn täglich erleben. Am Ende steht eine Liste der Entscheidungen, sortiert in drei Gruppen: Die Maschine entscheidet, die Maschine bereitet vor, der Mensch entscheidet allein.

[kr] Kai Reinhardt · September 2026
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